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TAGBLATT: "Es geht immer ohne jeden"


Volleyball: Seit zwölf Jahren Rottenburgs Cheftrainer: Hans Peter Müller-Angstenberger im TAGBLATT-Interview

Vor zwölf Jahren übernahm Hans Peter Müller-Angstenberger die Volleyballer des TV Rottenburg in der Regionalliga als Trainer. Das ist er heute noch - in der Bundesliga. Vor dem Saisonstart am Samstag (19.30 Uhr gegen TSV Herrsching) spricht der 42-Jährige über die Entwicklung des Vereins, das TV-Desinteresse und Schule als Erholung.
Man könnte einen Boom erwarten, wenn diese WM öffentlich stattgefunden hätte.

Rottenburg. Im Sportpark-Gebäude des TV Rottenburg, wo auch die Geschäftsstelle des Vereins ist, sitzt Hans Peter Müller-Angstenberger im Tagungsraum. Vor ihm liegt ein TAGBLATT-Artikel vom 28. März 2002. Über ihn. Hans Peter Müller hieß er da noch. Überschrift: "Hans-Peter Müller trainiert nun die TVR-Regionalliga-Volleyballer." Heute ist der TVR ein gestandener Erstligist. Mit immer noch demselben Trainer. "Das ist fast schon erschreckend.", sagt Müller-Angstenberger schmunzelnd.

TAGBLATT: Herr Müller-Angstenberger, können Sie sich ohne den TV Rottenburg vorstellen?

Hans Peter Müller-Angstenberger (42): Also, ich habe nicht das Gefühl, dass es ohne mich nicht ginge. Es geht immer ohne jeden, es geht immer weiter. Innere Fragen hatte ich in ganz anderen Phasen dieser zwölf Jahre. Ob es die richtige Entscheidung ist, ob ich den Schwerpunkt auf Bundesliga und Volleyball lege, und das Lehrersein sich mehr zu einer Nebentätigkeit entwickelt hat. Diese Entscheidung vor vier, fünf Jahren zu fällen, war viel schwieriger für mich. Mit dieser Entscheidung lebe ich sehr gut. Ich lerne immer noch so viel, dass ich glaube, in mir selbst genügend Dynamik zu haben, um gut zu sein. Deshalb fühle ich mich gerade gut und am richtigen Platz. Wobei wir im Verein so ein offenes Verhältnis führen, wenn Verantwortliche der Meinung sind, dass sich eine Veränderung einstellen müsste, ich der Letzte bin, der sich dann querstellt oder um irgendwas kämpft. Ich habe ein anderes Standbein und kann mir beruflich auch was Anderes vorstellen - aber es ist zurzeit absolut das Berufsprofil, das mir am meisten zusagt.

Sie trainieren bis zu zehn Mal pro Woche, unterrichten dazu acht Fachstunden in der Schule.

Diese acht Fachstunden in der Schule sind da fast ein Stück Erholung und Gegenpol zu dem, was ich mache. Es öffnet auch immer wieder meine Horizonte.

Ziehen die Schüler Sie auch hoch, wenn Ihr Team verliert oder Sie in den Schlagzeilen stehen?

Weniger die Schüler, eher die Kollegen. Das ist aber absolut okay. Deshalb lebe ich auch gerne hier in der Stadt. Wenn die Leute Auskunft wollen, mache ich das gerne. Wenn ich aber der Meinung bin, ich muss mich dem entziehen, dann mache ich das. Dann geht man halt samstags nicht auf den Markt. Aber Anfeindungen habe ich noch nie erlebt - und ich hoffe, dass das auch so bleibt.

Der TV Rottenburg, speziell die Volleyball GmbH, scheint gut aufgestellt zu sein: Die finanzielle Situation hat sich etwas entspannt, eine neue Halle ist errichtet unweit des Sportparks, die Physiotherapeuten arbeiten mittlerweile vor Ort - fast schon paradiesische Zustände?

Der Verein hat in den letzten 15 Jahren eine unglaubliche Entwicklung gemacht. Die Voraussetzungen im Hauptverein sind ein Riesenrückgrat für die Volleyballer wie auch für alle Abteilungen. Wir können jetzt vormittags in der Halle trainieren, und das nicht nur wie vorher irgendwo im Randbereich. Wir sind jetzt insgesamt mehr in Rottenburg, was die Verknüpfung zum Verein mehr stärkt. Wir sind sieben Trainingseinheiten hintereinander in Rottenburg und dann erst in Tübingen, müssen jetzt nicht mehr hin und her wechseln.

Deutschland hat in Polen die erfolgreichste Weltmeisterschaft aller Zeiten gespielt. Bringt das einen Schub oder gar Boom für die Sportart?

Man könnte einen Boom erwarten, wenn diese WM öffentlich stattgefunden hätte. Und das ist schon das Bedauerliche, wenn man sieht, wie in einem Nachbarland Deutschlands eine Volleyball-Weltmeisterschaft ist, die dort die gleiche Euphorie erzeugt wie Fußball in Deutschland. Und dieses Land, Polen, auch noch Weltmeister wird. Wo das Eröffnungsspiel von 60 000 Zuschauer in Warschau besucht wu rde. Wo sich das ganze Land mit dieser Sportart identifizierte. Wenn diese WM gezeigt worden wäre, dann hätten wir natürlich profitiert. Sowieso von einem dritten Platz, der für Deutschland sagenhaft ist.

Die Spiele wurden nur im Internet übertragen. Hat Volleyball keine Lobby?

In Deutschland anscheinend nicht. International viel, viel mehr. Neben Fußball ist er die größte Sportorganisation der Welt mit unglaublich viel Geld im System. Wo die FIVB (Internationaler Volleyball-Verband, d. Red.) so viel Geld verdient wie die Fifa (Internationaler Fußballverband, d. Red.). Es sind schon vergleichbare Systeme, die sitzen auch beide in Genf. Aber das jetzt alleine auf das Lobby zu schieben, wäre nicht richtig.

Was läuft dann schief?

Warum hat man keine Lobby? Weil die Lobbyarbeit eben nicht so gut läuft, weil sich die Leute nicht genug dafür einsetzen oder auch Fehler gemacht worden sind, die nicht behoben wurden.

Welche Fehler?

Natürlich kommt das Fernsehen nicht in kleine Schulturnhallen, wo noch Linien auf den Feldern sind - das ist alles nicht telegen. In Polen hat man gesehen, was für wahnsinnig faszinierende Bilder geliefert werden können von dieser Sportart. Mit Superzeitlupen und allem. Die ganze Theatralik und Dramatik dieses Sports wurde einem gezeigt. Aber dazu muss das Fernsehen da sein! Das gelingt uns nicht, da gibt's Hausaufgaben bei uns zu machen. Wobei ich finde, dass die öffentlich-rechtlichen Sender über den Fußball hinaus schon noch Aufgaben haben. Ich finde, dass die kommerziellen Privatsender besser aufgehoben sind im Bieten um Fußball. Fußball ist ein Wirtschaftsimperium, das dreht man nicht mehr zurück, und das ist auch richtig so. Aber vielleicht sollten sich die Öffentlich-Rechtlichen, für die wir Gebühren bezahlen, überlegen, ob sie nicht andere Aufgaben haben in diesem Konstrukt und eine kulturelle Vielfalt liefern.

Wenn wie in der Bundesliga aber noch nach Saisonschluss nicht klar ist, wer absteigt, weil der Zweitliga-Meister wohl nicht aufsteigen will; ein Topklub wie Haching monatelang rumeiert, ob er sich finanziell die Liga leisten kann oder nicht, dann fördert das auch nicht gerade das Image dieses Sports!

Das ist richtig. Wir brauchen in Deutschland 30 Vereine - lass es auch 20 sein - für die es das erklärte Ziel ist, Bundesliga zu spielen. Die auf dieses Ziel hinarbeiten, die sich professionalisieren. Die nicht nur in Trainer und Spieler sondern auch in Strukturen investieren. Denn Trainer und Spieler, die verändern sich - aber ein Standort soll ja bleiben. Berlin ist da ein positives Beispiel. Die waren früher in der Sömmering-Halle und haben mit Mut, Geduld und Verantwortungsbewusstsein den Sprung in die große Max-Schmeling-Halle geschafft.

Zurück zu Ihrer Mannschaft: Wozu ist diese fähig?

Keiner von uns erwartet die ganz großen Wunderdinge. Wir haben einen großen Umbruch in der Mannschaft mit sechs alten und sechs neuen Spielern. Es sind nur drei Spieler, die schon länger dabei sind. Wenn ich mir Sportmannschaften so anschaue, da denkt man immer in Drei-Jahres-Zyklen. Das wäre jetzt so ein bisschen der Start, mit den Jungs was in den nächsten drei Jahren zu entwickeln.

Ist dieser Umbruch bewusst gemacht worden oder hat es sich so ergeben?

Beides. Einige stiegen ja jetzt in den Beruf ein. Willy Belizer promoviert, Dirk Mehlberg ist bei einem unserer Sponsoren eingestiegen. Das war bei Abgängen wie Markus Pielmeier oder Michael Neumeister auch der Fall. Und uns war bewusst, dass wir nicht ein Team weiterführen können, in dem die Hälfte ins Berufsleben geht. Es muss die Mischung stimmen.

Sie waren selbst lange Jugendtrainer beim TVR. Außer Willy Belizer und Sven Metzger kommt keiner aus dem TVR-Nachwuchs. Ist der Sprung dafür zu groß?

Es ist natürlich eine Utopie zu glauben, dass der Standort aus sich heraus eine komplette Bundesliga-Mannschaft entwickeln kann.

Das wäre der Traum des Fans.

Ja. Manche Standorte könnten das bieten. Berlin vielleicht. Aber die Spieler haben ja auch andere Lebensentwürfe. Richtig gute wollen manchmal anderswo hin - es gibt ja viele Spieler, die in Rottenburg gespielt haben, wie Sebastian Schwarz oder Jaromir Zachrich.

Ihr Team hatte eine lange Pause, Ende März war für den TVR die Saison beendet. Zu lange?

Ja, das ist allen viel zu lang - für Sponsoren, für Zuschauer. Wir sind in einer Struktur eingebunden, die uns die FIVB vorgibt. Und jetzt kommen geballt englische Wochen. Aber wir dürfen nicht vor dem 15. Oktober beginnen und müssen am 15. Mai fertig sein - sonst wird man aus dem Verband geschmissen. Aber diese Pause ist zu lang. Da muss sich meiner Meinung was ändern.

Die Play-Off-Spiele abschaffen?

Das wäre eine Möglichkeit. Aber da machen die Spitzenklubs nicht mit. Die Play-Offs sind derzeit wahrscheinlich die richtige Entscheidung, da sie in diesen Spielen überhaupt die mediale Aufmerksamkeit bekommen. Aber ich finde auch diese Zuschneidung, Nationalmannschaft von Mai bis Oktober, danach die Zuschneidung auf den Ligabetrieb, nicht richtig. Die Nationalmannschaft will man öfter sehen.

Abschließend: Was erhoffen Sie sich von dieser Saison?

Ich wünsche mir einen Haufen voller Goldmedaillen, die es für den besten Spieler des Siegers gibt. Mir ist es völlig wurscht für wen. Ein Sieg gegen einen der Großen. Zwei oder drei Spieler, die es zumindest in den erweiterten Kader der Nationalmannschaft schaffen. Und mindestens einmal eine ausverkaufte Halle.

Das Interview führte Tobias Zug


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18.10.2014 : 19:30 Uhr

Volleyball Bundesliga (Herren): TV Rottenburg - TSV Herrsching



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