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TAGBLATT: Wieder Waschen umsonst


Volleyball: Die Tie-Breaker der Bundesliga: TV Rottenburg besiegt auch Düren in fünf Sätzen

So langsam schleicht sich der TV Rottenburg in die Phalanx der Spitzenteams in der Bundesliga ein. Vor 2000 Zuschauern feierte er gestern Abend einen 3:2 (19:25, 25:20, 16:25, 25:15, 15:11)-Sieg gegen Powervolleys Düren.

Tübingen. Der Mannschaftsarzt und der Co-Trainer standen auf den Stühlen und klatschten. Und vor ihnen kniete der Trainer und wippte auf und ab wie ein Gläubiger auf einem Gebetsteppich. Spieler hopsten vor dem Sponsor, dem Inhaber eines Autowaschcenters, herum und gröhlten "Autowäsche, Autowäsche", weil sie nach jedem Sieg ihre Wagen dort kostenlos säubern dürfen. Fünf Tage nach dem offiziellen Karnevals- und Fasnetsbeginn waren Rottenburgs Volleyballer auf ihre Art jeck und ausgelassen. Denn auch das sechste Saisonspiel haben sie gewonnen. Waren die Gegner zuvor Aufsteiger wie Herrsching und Lüneburg oder die Nachwuchsspieler des VCO Berlin, war's diesmal ein Team, das zu den Top 3 der Bundesliga gezählt werden kann. "Phasenweise haben wir unser bestes Volleyball gespielt", sagte Rottenburgs Trainer Hans Peter Müller-Angstenberger.

Phasenweise. Aber dauernd schaffen die Rottenburger das (noch?) nicht. Und deshalb sind sie die Tie-Breaker der Liga. Wer sich die Spiele des TV Rottenburg anschauen will, der soll auf jeden Fall Zeit mitbringen: Denn zum fünften Mal in Serie (inklusive dem Pokalspiel in Bitterfeld) ging der TVR in den fünften Satz. Und zum fünften Mal gewann er auch diesen entscheidenden Tie-Break. "Mich würde mal interessieren, ob's da eine Statistik gibt und das schon mal jemand in der Liga geschafft hat", sagte TVR- Außenangreifer Dirk Mehlberg.

Die Statistik des gestrigen Spiels fasste Dürens Trainer Michael Mücke in wenigen Worten zusammen: "Erst waren wir gut und die nicht, dann wir Scheiße und die gut. Dann wieder wir gut, dann wieder die - und in den fünften Satz sind wir einfach nicht reingekommen." Rottenburg brauchte wie fast jedes Mal den ersten Satz, um überhaupt ins Spiel zu kommen. Und spielte einen fast schon überragenden zweiten Satz: Da überzeugte der Block, ob Friederich Nagel oder Tom Strohbach auf Außen, der Nationalspieler Marvin Prolingheuer fast schon entnervte. Die Annahme funktionierte. Düren fand kaum Freiflächen beim TVR. "Das war vielleicht der beste Satz überhaupt von uns", sagte Müller-Angstenberger.

Im dritten Satz machte der TVR gleich mal das 1:0 - das blieb auch dessen einzige Führung in diesem Durchgang. Auch im vierten stand's erst mal 2:0 für Düren. Rottenburg kämpfte sich dank Mittelblocker Friederich Nagel wieder heran. Und es folgten die Minuten des Tom Strohbachs, der mit einer Aufschlagserie den TVR-Vorsprung von 6:4 auf 11:4 ausbaute. Auf der Tribüne wedelten die Fans wie beseelt mit ihren rot-weißen Schals, sofern sie welche hatten. Bis zum 13:4 durfte Strohbach aufschlagen. Den Satzsieg ließ sich Rottenburg nicht mehr nehmen - 2:2. Ein Punkt war dem TVR also sicher. "Damit wäre ich auch zufrieden gewesen", sagte Mehlberg, "ich hatte auch gedacht, nach vier Tie-Break-Siegen in Serie kann der fünfte vielleicht auch mal schief gehen. Und da hätte dann auch keiner was sagen können." Doch Mehlberg selbst brachte gleich mal seine Sprungaufschläge durch, so dass der TVR 5:0 vorne lag. Müller-Angstenberger hatte sich da schon längst seiner schwarzen Jacke entledigt und war draußen wie seine Spieler nur noch am Hopsen, Fäuste ballen und Klatschen. Auf 7:10, 10:13 und 11:14 kam Düren noch mal heran. Über die Mitte donnerte Mehlberg dann nach Zuspiel von Federico Cipollone ins gegnerische Feld. "Wir müssen trotzdem demütig sein und schauen, dass wir nicht abheben", sagte Müller-Angstenberger. Das war aber eine halbe Stunde nach all den Tänzen, Verbeugungen und Wasch-Gesängen.

Tobias Zug

Kapitän lässt Federico Cipollone den Vortritt

Das habe er so noch nie erlebt, sagte Rottenburgs Trainer Hans Peter Müller-Angstenberger. Zum vierten Satz hatte er seinen Kapitän Philipp Jankowski zu sich geholt, für den diesmal auf der Zuspieler-Position Federico Cipollone in der Anfangsformation spielte. Jankowski sagte zu seinem Trainer: "Ich weiß schon, was du denkst, du willst mich bringen - aber Federico hat das im zweiten Satz stark gemacht." Müller-Angstenberger: "Dann sagte er zu mir: Bring' ihn! Das zeigt charakterliche Größe, dass er nicht nur für sich, sondern für die Mannschaft denkt." Der Trainer lobt da auch die Diagonalspieler Sven Metzger und Oliver Staab: "Da neidet niemand etwas dem anderen."

Fünf magische Minuten

Tom Strohbach gibt dem TVR im vierten Satz das entscheidende Momentum

Von 6:4 auf 13:4 binnen fünf Minuten. Die Aufschläge von Rottenburgs Tom Strohbach im vierten Satz waren Wirkungstreffer: Als der 22-Jährige fünf direkte Aufschlagpunkte erzielt hatte, war der Gegner am Boden. Und deren Libero Blair Bann sogar aus dem Spiel.
moritz hagemann

Tübingen. Der erste Satz war gewiss nicht seiner. Tom Strohbach hatte Probleme, ins Spiel zu finden, leistete sich Fehler, die vom 22-Jährigen in dieser Saison bislang kaum zu sehen waren. Im dritten Durchgang, den der TVR ebenfalls klar abgab, das gleiche Bild. Doch plötzlich explodierte er, "einer der talentiertesten Außenspieler, die wir in Deutschland haben", wie es Teamkollege Federico Cipollone ausdrückte.

Zunächst war etwas Glück dabei, ein Netzroller half. Dann brachten die Dürener manchmal zwar noch eine Hand dran, den Aufschlag aber nicht zurück. Und zwei Mal in der Serie von fünf Aufschlägen hintereinander klatschte der Ball direkt auf den rosaroten Boden der Paul Horn-Arena - fünf Aufschläge, fünf Punkte, fünf Mal Verzweiflung beim Gegner. Tom Strohbach hatte sich ein Herz genommen, etwas riskiert, eben das gemacht, "was Düren speziell im ersten Satz sehr gut gemacht hat", sagte TVR-Libero Willy Belizer. Nämlich die Aufschläge flach und hart über das Netz gebracht und sich so schnelle, aber wertvolle Punkte erspielt.

Rottenburg setzte sich ab, die Halle tobte, Düren half auch eine Auszeit nicht. Der TVR spielte sich fast in einen kleinen Rausch, während den Dürenern nichts mehr gelang. "Diese Phase war ausschlaggebend", befand auch Dürens Trainer Michael Mücke: "Wir hatten Schwierigkeiten das Tempo mitzugehen." Beflügelt vom Publikum, welches stand und Schals wedelte, dachten die Rottenburger weniger nach und konnten ihr Spiel durchziehen.

So auch Tom Strohbach. "Ich gönne ihm das ungemein", sagte TVR-Trainer Hans Peter Müller-Angstenberger, der schon gemerkt hatte, dass sein Außenspieler etwas ins Grübeln gekommen sei. "Er hat sich komplett freigeschwommen", bewertete Müller-Angstenberger die entscheidenden Szenen in jenem vierten Satz. So ähnlich lautete auch die Bewertung von Strohbach selbst, der sich darüber freute, dass der "Knoten einfach geplatzt" sei. Er habe nicht eigens Aufschläge trainiert, "das kann ich eigentlich schon immer ganz gut", schmunzelte der 22-Jährige.

Und als hätten die Aufschläge von Strohbach den Volleys aus Düren nicht schon genug weh getan, so wurde dessen Schmetterball zum 13:4 in Satz vier auch noch zum Knockout für Dürens Libero Blair Bann. Der Ball titschte auf und traf den kanadischen Nationalspieler im Gesicht. Der wirkte sichtlich benommen, wankte von Betreuern gestützt zunächst zur Bank, dann in die Kabine. "Er sieht auf einem Auge nichts mehr", erklärte der Ex-Rottenburger Matthias Pompe, der sich wenig später das weiße Trikot überstreifte und den Dürener Libero gab (siehe Kasten). TVR-Libero Willy Belizer bewertete den Auftritt seines alten Teamkollegen in der ungewohnten Libero-Rolle durchaus positiv: "Ich habe keinen Qualitätsverlust festgestellt, als der eigentliche Libero ausfiel."

Am Ende fragten sich viele Zuschauer in der Paul Horn-Arena eigentlich nur, warum nicht Strohbach von Dürens Trainer Mücke als bester Rottenburger ausgezeichnet wurde? Diesen Preis räumte Willy Belizer ab - aber Tom Strohbach konnte es verkraften: "Es ist doch ganz egal, wer die Goldmedaille abräumt, wichtig ist es nur, dass sie in unserem Team bleibt." Lob erhielt der ehemalige Hachinger und elfmalige Nationalspieler von allen Seiten, auch von seinem Mitspieler Federico Cipollone: "Tom war genau das, was wir gebraucht haben!"

Ex-Rottenburger Pompe gibt den Aushilfslibero

Weil sich Blair Bann am Auge verletzte, musste Matthias Pompe m al wieder als Libero ran. In der Saisonvorbereitung hatte der 30-Jährige dies zuletzt getan, als sein Dürener Teamkollege Bann noch bei der Nationalmannschaft weilte. "Man muss in diese Position reinwachsen", sagte Pompe, der zunächst ein paar Probleme hatte, sich dann aber steigerte. "Ich finde, dass er das gut gemacht hat", sagte Dürens Trainer Michael Mücke über Pompes Auftritt. Der wiederum antwortete auf die Frage, warum ihn sein Trainer nach gutem Beginn im zweiten Satz schnell auf die Bank beorderte, mit: "Kein Kommentar!" Mit seinem Kind auf dem Arm wirkte Pompe nach dem Spiel durchaus leicht angesäuert, da er auch betonte, dass er die Liberorolle gerne angenommen habe, "denn so habe ich immerhin gespielt". Die Rückkehr nach Rottenburg (Pompe spielte von 2005 bis 2011 beim TVR) sei trotz der Niederlage ein tolles Gefühl gewesen: "Das hat unglaublich Spaß gemacht!" Pompe bewertete die Entwicklung des TVR sehr positiv, denn "wenn man sich hier umschaut ist es toll, dass immer mehr Leute kommen".

Wartezeit zu Ende

Im Januar 2013 gewann der TVR überraschend in Haching. Damals wurde Libero Willy Belizer als bester Rottenburger vom gegnerischen Trainer ausgewählt. Danach nie und gestern wieder. "Wenn der Libero ausgezeichnet wird", sagte Belizer, "dann ist das oft ein Zeichen, dass es eine gute Mannschaftsleistung war." Für seinen Trainer Müller-Angstenberger war Belizer "das Zentrum des Spiels".

Heimdebüt gefeiert

Im dritten Satz beim Stand von 12:21 kam der Brasilianer Diego Ferreira Guardiano zu seinem Saison-Heimdebüt beim TV Rottenburg. Guardiano hatte sich vor Saisonbeginn am Meniskus verletzt und war operiert worden. "Aber jetzt fühle ich mich zu hundert Prozent wieder fit", sagte der 32-Jährige. Die Satzniederlage hat er zwar auch nicht mehr verhindert, freute sich und unterstützte aber auch von draußen das Team. "Es macht riesig Spaß hier", sagt Guardiano, "ich muss auch draußen dafür sorgen, dass die Jungs keine negativen Gedanken haben. Denn positiv zu denken ist sehr wichtig!"

Der TVR ist wer

Zum Pokalspiel unter der Woche beim Zweitligisten Bitterfeld, welches der TVR mit 3:2 gewann, kam die Ligakonkurrenz vom CV Mitteldeutschland mit fast dem ganzen Team. Auch der TV Bühl schickte samt Trainer einen Scout. "Man sieht, dass wir ernst genommen werden", sagte TVR-Libero Willy Belizer. Kein Wunder: Nach dem gestrigen Sieg haben die Rottenburger gezeigt, hinter den Spitzenklubs aus Friedrichshafen und Berlin die dritte Kraft im Land sein zu können.itz / tzu


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16.11.2014 : 17:00 Uhr

Volleyball Bundesliga (Herren): TV Rottenburg - SWD powervolleys DÜREN



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