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TAGBLATT: Schöne Niederlage


Entspanntes 0:3 des TV Rottenburg gegen den Rekordmeister

Das wichtigste Ergebnis stand schon am Vormittag vor dem Spiel fest: Weil der VSG Coburg/Grub noch einmal sechs Punkte abgezogen wurde, bleibt der TV Rottenburg in der Bundesliga. Und spielte beim 0:3 (18:25, 18:25, 23:25) gegen den VfB Friedrichshafen frei und manchmal begeistert auf vor den 2400 Zuschauern.

Tübingen. Es war die schönste Niederlage der insgesamt 17, die der TV Rottenburg in dieser Bundesliga-Hauptrundensaison kassiert hatte. Nach dem 0:3 schaute kein Spieler und Trainer bedröppelt drein, johlten und klatschten die Fans. Denn geschafft hatten sie schon Stunden zuvor, worauf sie Wochen und Monate gehofft hatten: den Klassenverbleib. Gegen 10 Uhr hatten die TVR-Verantwortlichen der Mannschaft im Abschlusstraining die Nachricht vom Sechs-Punkte-Abzug für den Mitabstiegskonkurrenten VSG Coburg/Grub unterrichtet. Spieler, Trainer und Funktionäre umarmten sich: Damit hatte der TV Rottenburg eine weitere Bundesliga-Saison gesichert und den drohenden Abstieg abgewehrt. "Da ist uns allen ein großer Stein vom Herzen gefallen", sagte TVR-Manager Daniel Mey.

"Das war dann aber auch wie wenn der Stecker rausgezogen wäre", sagte Trainer Hans Peter Müller-Angstenberger. Wochenlang hätten sein Trainerteam und er die Spieler nämlich darauf getrimmt, im letzten Hauptrundenspiel gegen den deutschen Rekordmeister eine "historische Partie" erleben zu können, "ein Schicksalsspiel". Und jetzt wurde es das entspannteste Spiel der gesamten Saison, wenn auch weitaus interessanter und spannender als der Oberbürgermeister-Wahlkampf in Rottenburg. Denn gelöst und frei von jeglichen Existenzsorgen spielte der TVR vor der Saisonrekordkulisse von 2400 sehr lauten Zuschauern manchmal Angriffszüge, die dessen Trainer als "Zucker" und "Hammer" empfand. Wie jenen im zweiten Satz nach Blockabwehr und danach starker Abwehr von Moritz Karlitzek, dem Zuspieler Federico Cipollone den Ball wieder punktgenau so auflegte, dass dieser aus dem Rückraum heranbrausend die Kugel ins VfB-Feld schmetterte.

Der TV Rottenburg begann frech und mutig gegen den Tabellenzweiten, führte mit 4:2 und 6:4. Bis sich die Friedrichshafener sagten, jetzt machen wir ernst. Dann drosch der Brasilianer mit dem eigentlich so harmonisch weich klingenden Namen Luis Fernando Joventino Venceslau die Bälle mit solch einer Brachialgewalt ins gegnerische Feld, dass man sich um die Gesundheit des Hallenparketts manchmal sorgen musste. Rottenburg schnupperte immer wieder mal an einem Satzgewinn, mehr aber nicht.

Ähnlich der zweite Satz: Rottenburg spielte eigentlich vor allem über die Mitte recht gut, nahm auch die starken VfB-Außen einigermaßen aus dem Spiel. Doch scheiterte er (zu) oft am gegnerischen Block. "Und die Aufschläge der Friedrichshafener waren richtig gut", sagte Müller-Angstenberger. Im dritten Satz waren die Rottenburger dicht dran, auf 1:2 zu verkürzen. Müller-Angstenberger hatte Felix Orthmann und Zuspieler Philipp Jankowski eingewechselt, die jeweils eine starke Partie ablieferten. Was auch die TVR-Fans mitriss: Die wedelten mit ihren Schals, klatschten in ihre Handballen, grölten und jubelten, als ihr Team mit 16:12 in die zweite technische Auszeit ging.

Friedrichshafen kehrte aber wieder zurück, schaffte beim 21:21 und 22:22 den Ausgleich. Rottenburgs Tom Strohbach scheiterte am Block - und punktete danach. Der stets fast wie teilnahmslos umherschleichende VfB-Trainer Stelian Moculescu nahm ausnahmsweise mal eine Auszeit. Alexey Nalobin sorgte für den Matchball, den Michael Finger mit seinem Block auch gleich nutzte. "Aber es war ein sehr schweres Stück Arbeit", sagte Finger, "wir hatten große Probleme." Und Jankowski befand: "Ich denke, es war ein gutes Spiel." Eines ohne Verlierer.

Sportlich hat der TV Rottenburg den Bundesligaverbleib nicht geschafft. "Das ist natürlich ein blödes Gefühl", sagt TVR-Spielführer Philipp Jankowski, "aber deshalb werden wir in den Pre-Playoffs nicht die Segel streichen, sondern trotzdem zeigen, dass wir dahin gehören." Rückblickend fand Jankowski, "dass wir sehr lange gebraucht haben, um zu akzeptieren, dass wir da hinten stehen und richtig arb eiten müssen." 14 Spiele in Serie hatte der TVR verloren. "Und trotzdem ist der Verein, sind die Fans immer hinter uns gestanden", sagte Trainer Hans Peter Müller-Angstenberger, "ich hatte nie einen einzigen Pfiff vernommen. Ich glaube, es gibt nicht viele Mannschaften im Sport, die in so einer Situation nicht auseinanderfallen wie wir. Der ganze Verein hat gezeigt: Wir halten zusammen."

Tobias Zug

 

Noch einmal wertvollster Spieler

TV Rottenburg verabschiedet Libero Willy Belizer schon vor den Pre-Playoff-Spielen

"Volleyball beim TVR kann man sich nicht ohne Willy vorstellen", sagte TVR-Vorsitzender Klaus Maier. Muss man aber. Am Samstag wurde Libero Willy Belizer offiziell verabschiedet. Der 30-Jährige beendet seine Laufbahn. Bekommt aber in den Pre-Playoffs noch die Kür.

Tübingen. Szenen wie bei einem Aufstieg: Willy Belizer auf den Händen seiner Teamkollegen, sie ließen ihn hochleben. Zuvor schon sollte ein Abschiedsfilm in der Paul-Horn-Arena beweisen, dass "der Willy" doch ein emotionaler Typ und nicht so trocken und abgeklärt sei wie es auf dem Feld doch manchmal den Eindruck erweckt. Alle auf dem Feld hatten sich T-Shirts und mit Aufdruck "Danke Willy!" angezogen - Betreuer, Spieler und Trainerteam. Er hoffe, sagte der TVR-Vorsitzende Klaus Maier, "dass er dem TVR sein Volleyball-Gen weiter geben kann." Im April erwartet Belizer Nachwuchs. Ein Mädchen. Deshalb gab's als Abschiedsgeschenk ein Trikot für das Baby. Natürlich mit der Nummer 15.

Für den TVR-Libero endet die Laufbahn mit einer denkwürdigen Saison. Die Serie von 14 Niederlagen in Serie, die Verletzungen, die schwankenden Leistungen - auch bei ihm selbst. "Wir haben Dinge versucht, die andere Teams in fünf Jahren machen", sagte Belizer. Also Mentaltrainer dazu geholt, auch einen Sportpsychologen. Am Ende wäre der TVR sportlich abgestiegen. Nur sechs Mal, erklärte Belizer, habe das Team geschlossen das Potenzial in der vergangenen Hauptrunde auf das Feld gebracht. Deutlich zu wenig bei 20 Saisonspielen.

Beim offiziellen Belizer-Abschied erfüllte dann auch noch Friedrichshafens Trainer-Guru Stelian Moculescu seine Aufgabe. Er wählte Belizer zum wertvollsten Spieler auf Rottenburger Seite. Ein Abschiedsgeschenk? "Nicht deshalb", sagte Moculescu, "er hat einfach auch gut gespielt." Und Belizer hat jetzt noch ein Ziel: "Die ganze Saison so lange wie möglich verlängern." Denn die Verabschiedung war noch nicht der endgültige Abschied. Schließlich hat der TVR ja jetzt noch die Pre-Playoffs erreicht. Dass Belizer aber am Samstag schon verabschiedet wurde, lag an der ungewissen sportlichen Zukunft. Aber: "Es war eine volle Hütte", sagte Teamkollege Dirk Mehlberg, "der Rahmen war gut." Mehlberg und Belizer sind beim TVR die Dienstältesten. Und noch mehr: "Mein bester Kumpel", sagt Mehlberg über Belizer. Gemeinsam teilten sie das Zimmer und fuhren in den Urlaub. Jetzt sei er wehmütig, sagte Mehlberg, denn es geht nicht nur ein wertvoller Spieler. Sondern, "eine Persönlichkeit."

"Krasser Außenseiter", sagte Dirk Mehlberg, sei der Tabellenzehnte TV Rottenburg beim Siebten TSV Herrsching. Die dortige Nikolaushalle ist nur mit einer Ausnahmegenehmigung zulässig, enorm flach, die Bälle berühren oft die Decke. Und: "Wir haben da kassiert", sagte Willy Belizer aufgrund der klaren 0:3-Niederlage in Herrsching vor wenigen Wochen. Und genau deshalb, so ergänzte Mehlberg, könne der TVR frei aufspielen. In Herrsching muss der TVR am Donnerstag (20 Uhr) antreten, am Samstag (19.30 Uhr) steigt die Partie in Tübingen. Ein mögliches drittes Spiel würde erneut in Herrsching ausgetragen werden.

Moritz Hagemann

 

Mehr Wut als Freude

Neun Punkte wurden der VSG Coburg/Grub insgesamt abgezogen - die Rettung für den TV Rottenburg. Doch die Situation bei der VSG zeigt die Probleme des Volleyballs einmal mehr auf. Selbst Rottenburgs Spieler reagieren mit Unverständnis.

Tübingen/Coburg. Erst gegen 10 Uhr am Samstagmorgen hatte die Volleyball-Bundesliga (VBL) den erneuten Abzug von sechs Punkten für die VSG bekannt gegeben. Statt mit 17 beendet Coburg/Grub die Saison also mit acht Punkten, der TVR hatte den Klassenverbleib so schon vor dem Duell gegen Meister Friedrichshafen sicher. "Die Wirtschaftlichkeit der VSG Coburg/Grub konnte nicht lückenlos bis zum Ende der Saison nachgewiesen werden", sagte Jan Sienicki, der Vorsitzende des Lizenzierungsausschusses. "Außerdem wurde der VSG eine Nachfrist bis zum 11. März eingeräumt. Die Nachweise wurden aber auch innerhalb der Nachfrist nicht erbracht."

Das Coburger Aus kam für Insider nicht verwunderlich. "Ich habe schon früher in der Saison damit gerechnet", sagte TVR-Außenangreifer Dirk Mehlberg. Die VSG habe viel zu viel Geld des Etats in ihren Kader gesteckt, (zu) viele Voll-Profis beschäftigt, und "nichts für die Nachhaltigkeit" (Mehlberg) getan. Ein guter Volleyball-Spieler, so sagte Klaus-Peter Jung, der Geschäftsführer der Volleyball-Bundesliga der "FAZ", könne netto in Deutschland 30 000 Euro im Jahr verdienen.

Jetzt habe sich auch TVR-Libero Willy Belizer gefragt: "Wie können die sich so viele Ausländer leisten?" Deshalb sei es auch nicht ganz korrekt, den Klassenverbleib des TVR nur dem Punktabzug zuzuschreiben. Coburg holte schließlich Punkte mit einem Kader, der über den finanziellen Möglichkeiten des Klubs lag. "Die haben nicht mit offenen Karten gespielt", sagte Mehlberg. Er habe in den sozialen Medien oft gelesen, sagte Mehlberg, dass der Punktabzug für die VSG unfair sei. "Aber das ist nur fair." Und Belizer fügte nur an, er hoffe, dass alle Coburger Spieler wenigstens ihr Geld bekommen. Tun sie aber nicht. VSG-Geschäftsführer Jürgen Teuber kündigte in der Coburger "Neue Presse" an, in dieser Woche Insolvenz anzumelden, weil er die Gehälter bis einschließlich Mitte Mai nicht mehr bezahlen könne.

2011 war die VSG erst in die zweite Liga aufgestiegen, 2013 dann in die Bundesliga - ein steiler Aufstieg. Zu steil. Klubs wie der TVR, die sich seit Jahren in der obersten Spielklasse halten, und vom Masterplan der Volleyball-Bundesliga deshalb zu immer größer werdenden infrastrukturiellen Anforderungen gezwungen werden, sind da sportlich schnell die Leittragenden. Jetzt ist der TVR der Profiteur der Situation, aber auch nicht ganz glücklich damit. itz

Für den Volleyball-Sport ist die Situation wieder ein fatales Signal. Viele Teams sind in den vergangenen Jahren an den finanziellen Anforderungen gescheitert. "Das macht den Sport kaputt", schimpfte Mehlberg über das Coburger Missmanagement, "und es macht mich aggressiv." Auch Friedrichshafens Trainer Stelian Moculescu sagte zum VSG-Aus: "Das ist mir keine Antwort mehr wert." Volleyball hat in den vergangenen Tagen in Deutschland erneut einen Imageschaden erlitten. Coburg/Grub ist nach Dresden, Haching, Moers und Bottrop seit 2012 schon der fünfte Klub, der wegen finanzieller Probleme aus der Bundesliga verschwindet. Und im TV Bühl steckt der nächste Verein in Problemen. Auf seiner Homepage ruft der TVB die Fans zu Spenden auf. Sonst kann der Klub 2016/17 nicht mehr in der Bundesliga spielen. Es fehlen 90 000 Euro.

 

Kommentar: TVR muss sich nicht schämen

Sportlich hätte der TV Rottenburg die Bundesliga verlassen müssen, weil er in der Summe einfach nicht besser war als alle anderen Konkurrenten. Trotzdem bleibt er drin. Schämen muss er sich dafür aber nicht! Denn die Ligakonkurrenten haben teilweise Spielerkader zusammengestellt, die sie sich gar nicht leisten können. Oder nur, wenn auch alles passt; kein Sponsor abspringt, die sportlichen Ziele und Zuschauerzahlen erreicht werden. Diesen sportlichen Vorteil der Konkurrenz konnte und wollte der TV Rottenburg nicht wettmachen. Der Klub setzt auf seinen Weg mit Spielern, die entweder noch studieren oder gar einen Job haben. Und auf einen Cheftrainer aus der Stadt, der ebenfalls einem Hauptberuf (Lehrer) nachgeht, dort sein Kontingent so ausgelegt bekommt, dass er in der verbleibenden Zeit noch eine Bundesligamannschaft trainieren und coachen kann. Trotzdem erfüllt der TV Rottenburg die Liga-Forderungen wie einen hauptamtlichen Geschäftsführer oder Jugendleiter. Weshalb er zurecht oben bleiben darf.

Tobias Zug

 

Der Volley-Check

Dirk Mehlberg: Spielte in der Startformation. Machte nicht viel falsch, aber auch nicht viel besonders gut.

Philipp Jankowski: Der Zuspieler kam ab dem zweiten Satz, fügte sich gut ein, auch in der Abwehr.

Federico Cipollone: Der ehemalige VfB-Jugendspieler drehte gegen seinen Ex-Klub auf. Der Zuspieler war selbst erstaunt, als er im ersten Satz gar einen Blockpunkt schaffte.

Friederich Nagel: Überragend im Angriff (10 Punkte), sicher im Aufschlag - nur Blockpunkte machte der Mittelblocker diesmal keine.

Sven Metzger: Kam mit seinen Angriffen selten an den Friedrichshafenern vorbei.

Felix Isaak: Der Mittelblocker blieb unauffällig.

Lars Wilmsen: Kam ab dem zweiten Satz für Isaak, steuerte drei Angriffspunkte bei und einen Blockpunkt.

Tom Strohbach: Mitte des ersten Satzes für Mehlberg eingewechselt. Stabile Annahme (60%), scheiterte bei seinen Angriffen aber oft am Friedrichshafener Block.

Felix Orthmann: Starke Partie nach seiner Einwechslung in Satz 2. Mit neun Punkten zweitbester TVR-Scorer.

Moritz Karlitzek: Die "Lebensversicherung" des TVR war wieder angriffsfreudig und bester Scorer (zehn Punkte).

Willy Belizer: Der Libero hatte Schwerstarbeit zu verrichten. Da gelang nicht jede Abwehr - aber er ging jedem noch so aussichtslosen Ball hinterher.

Keine Einsatzzeiten: Johannes Elsäßer, Johannes Schief

 

 


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Veranstaltung(en) zu diesem Bericht

12.03.2016 : 19:30 Uhr

Letztes Saisonspiel gegen den deutschen Meister

TV Rottenburg - VFB Friedrichshafen

Letztes Saisonspiel gegen den deutschen Meister



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